EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE
EINE MELDUNG UND IHRE
GESCHICHTE
Schonschreiber
Wie ein Englander die Kante
Rasierklinge gravierte
Auf die Idee mit der Klinge kam
Graham Short im Schwimm- bad. Er hatte gerade die Sache mit der
Stecknadel hinter sich und suchte eine neue Herausforderung. Wa-
rum er es nicht mal mit einer Rasier- klinge versuche, fragte ein
Schwimm- kumpel. Mit der Schnittkante einer Ra-
sierklinge.
Graham Short ist einer der letzten
Graveure Englands, die noch mit der Hand arbeiten, er hat eine
winzige Werkstatt in Bir- mingham, am Ende einer
steilen Treppe, über einem
Gitarrenladen. Dort graviert er Druckplatten für Brief- köpfe und
Visitenkarten, zu seinen Kunden zählt er die Firma Rolls-Royce, das
bri- tische Unterhaus, die könig- liche Familie. Der Job hat ihn
wohlhabend gemacht. Aber etwas fehlte.
Durchmesser. 70 Wörter, 278 Buchsta-
ben, 1841 Bewegungen.
Für seine Projekte entwickelte Short
eine spezielle Arbeitshaltung. Er legt dabei den rechten Arm in
einen Gurt, den er an einem Tischbein befestigt; Short strafft den
Gurt, bis der Arm ab- solut ruhig ist. Beim Gravieren stößt er die
Nadel nicht, wie es in seinem Beruf üblich ist, er zieht sie, weil
er so die Bewegung besser kontrollieren
Aus der "Süddeutschen
Zeitung"
kann. Deshalb erhitzt er die Gravier-
nadel zweimal: einmal, um sie zu här- ten, ein zweites Mal, um sie
an der Spitze im rechten Winkel abzubiegen, wie bei einem Haken.
Short arbeitet nachts, wenn kaum Autos fahren, wenn alles ruhig
ist, wenn ihn nichts ablenken kann. Um den Hals trägt er ein
Stethoskop, mit Klebeband auf sei- nem Herzen fixiert. So wartet er
auf den richtigen Moment, auf die voll- kommene Ruhe in seinem
Körper, um dann eine winzige Bewegung auszu- führen, den oberen
Querstrich eines F etwa. Short arbeitet zwischen zwei Herzschlägen,
denn auf dem Kopf ei- ner Stecknadel ist kein Platz für
Fehler.
Im Herbst 2010, nach rund 300 Ar-
beitsstunden, hatte Short die Steck-
Short setzte sich an seinen Werktisch
vor das Mikroskop und klemmte eine Rasier- klinge zwischen zwei
Metall- blöcke. Ihre Schnittkante ist kaum einen Hundertstel-
millimeter breit. Durch das Okular sah er sie als unendliche recht-
eckige Fläche vor sich liegen.
Short
Short nahm eine sehr feine, extrem
harte Nadel und versuchte, ein I auf die Fläche zu ritzen. Wenn ihm
ein Strich gelänge, ohne abzurutschen - wäre dann nicht alles
möglich?
Graham Short war 15 Jahre alt, als er
die Schule verließ, um eine Lehre zum Graveur zu beginnen. In den
Ar- beitspausen wetteiferten die Lehrlinge darum, so winzig wie
möglich zu gra- vieren, an der Grenze zur Unsichtbar- keit. Sie
erlernten ein Handwerk und träumten von Kunst.
Als Short sich 1974 selbständig
machte, wurden die Miniaturen seine Obsession. Er gravierte einen
Sinn- spruch auf die Spitze einer Büroklam- mer und das Porträt der
Königin auf ein Reiskorn.
Er suchte Wertschätzung für das, was
er konnte.
Sein größter Traum war, das Vater-
unser zu gravieren, auf den Kopf einer Stecknadel, kaum zwei
Millimeter im Durchmesser. 70 Wörter, 278 Buchsta- ben, 1841
Bewegungen.
Für seine Projekte entwickelte Short
eine spezielle Arbeitshaltung. Er legt dabei den rechten Arm in
einen Gurt, den er an einem Tischbein befestigt; Short strafft den
Gurt, bis der Arm ab- solut ruhig ist. Beim Gravieren stößt er die
Nadel nicht, wie es in seinem Beruf üblich ist, er zieht sie, weil
er so die Bewegung besser kontrollieren
Aus der "Süddeutschen
Zeitung"
kann. Deshalb erhitzt er die Gravier-
nadel zweimal: einmal, um sie zu här- ten, ein zweites Mal, um sie
an der Spitze im rechten Winkel abzubiegen, wie bei einem Haken.
Short arbeitet nachts, wenn kaum Autos fahren, wenn alles ruhig
ist, wenn ihn nichts ablenken kann. Um den Hals trägt er ein
Stethoskop, mit Klebeband auf sei- nem Herzen fixiert. So wartet er
auf den richtigen Moment, auf die voll- kommene Ruhe in seinem
Körper, um dann eine winzige Bewegung auszu- führen, den oberen
Querstrich eines F etwa. Short arbeitet zwischen zwei Herzschlägen,
denn auf dem Kopf ei- ner Stecknadel ist kein Platz für
Fehler.
Im Herbst 2010, nach rund 300 Ar-
beitsstunden, hatte Short die Steck nadel endlich bezwungen. Es
blieben Zweifel. War das wirklich das Äußers- te, wozu ein Graveur
jemals fähig sein würde? Short wollte etwas erreichen, was noch
niemand zuvor erreicht hat - und wozu, nach allen Regeln der Ver-
nunft, auch niemand künftig in der Lage sein würde.
NOTHING IS IMPOSSIBLE, das wollte
Short auf die Schnittkante der Rasierklinge gravieren, 19
Buchstaben, etwa 80 Zugbewegungen. Nichts ist unmöglich, zumindest
nicht für ihn, Graham Short, 64 Jahre alt, begeister- ter
Schwimmer, Ruhepuls 30.
Er probierte mehrere Klingen aus,
prüfte ihre Härte, ihre Elastizität, am En- de entschied er sich
für eine Klinge von Wilkinson. Das I von IMPOSSIBLE war
möglich, das wusste er bereits, damit
fing er an. Danach mach- te er sich an das S, die erste Tücke,
wegen des doppelten Bogens; neun Bewegungen wa- ren allein für das
S nötig.
Sieben Bewegungen schaff- te er in
einer guten Nacht, aber es kam auch vor, dass Short keinen einzigen
Zug setzte. Weil er zu unruhig war, weil ein Lastwagen, der
vorbeifuhr, seine Konzentra- tion störte, weil der perfekte Moment
nicht kam. Short ver- senkte sich so sehr, dass er in manchen
Nächten spürte, wie eine Maus durch die Werk- statt huschte, weil
die Klinge vor seinem Auge vibrierte.
Und er machte Fehler, weil er un-
geduldig wurde oder euphorisch, manchmal erst beim allerletzten
Buch- staben. Am Ende bedeckten rund 180 Klingen den Boden seiner
Werkstatt, 180 Enttäuschungen. Aber eine Klinge kam fehlerfrei
durch. "Ich danke euch für eure Unterstützung", schrieb Short auf
Twitter, als die Mission erfüllt war. "Es war
überwältigend."
Die Arbeiten sind in einer Galerie zu
sehen, in der Nähe von Manchester. Graham Short empfindet Glück,
wenn Besucher der Ausstellung durchs Mi- kroskop blicken, seine
Botschaften le- sen - und sich dann ungläubig auf den Boden knien,
weil sie argwöhnen, dass der Text auf die Linse des Mikroskops
geschrieben wurde. Und wenn sie dann plötzlich begreifen, dass er,
Gra- ham Short, tatsächlich die Spitze eines Uhrzeigers, die
Schnittkante einer Ra- sierklinge beschriftet hat.
Was er in den Reaktionen der Besu-
cher lese?
Respekt, sagt Short.
Hauke Goos
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